Sonntag, 25. Oktober 2015

Können Depressive lieben?

Ich habe mir lange überlegt was ich schreiben soll.
Welche Worte ich euch heute mitgeben möchte. Doch jede Notiz - jeder Gedanke - all die hübsch zusammengelegten Wörter passten nicht. Ich war unzufrieden. Denn ich wollte soviel vermitteln.
Ich klappte meinen Laptop auf - Angst, angespannt - tippte in google.de die Wörter "können Depressive lieben ein" las. und las.

Ich war sauer, stinksauer - ich kochte, lief über, explodierte, konnte es nicht fassen.
Schmiss den Laptop neben mich - wollte nicht mehr über dieses Thema schreiben - musste weinen.
Tränen liefen und liefen - und es hörte nicht auf. Ich war geschockt, konnte nicht atmen - Schnappatmung - meine Brust schmerzte. Wie konnte das sein? Wie konnten Menschen so urteilen?

" Würde ich heraus finden, dass mein Freund depressiv ist würde ich sofort Schluss machen - solche Menschen können keine Liebe empfinden "

" Mir wäre so ein Partner viel zu anstrengend "

" Früher oder später wird das sowieso in die Brüche gehen - mach lieber gleich Schluss "

" Mach dir nichts vor - solche Leute lieben niemanden, nichtmal sich selbst" 

Wie können Menschen so etwas sagen? So herzlos sein? So übertrieben direkt. Festgefahren.
Obwohl all diese Worte nicht an mich gingen, nicht direkt fühlte ich mich angegriffen - hilflos - in die Ecke gedrängt. Was könnte ich schreiben - was könnte ich tun?
Um euch zum umdenken zu verleiten, euch zu überzeugen?
& plötzlich da viel es mir ein.

Ich musste nichts tun. Ich musste nichts beweisen. Ich würde euch einfach die Wahrheit sagen. So wie es ist. So wie es immer war. & wie ich hoffe noch viele Jahre lang so sein wird.
Vielleicht für immer.

Für die Liebe meines Lebens.

Tobias, du und ich - gestern vor genau 6 Jahren.

24.10.2009 - unser Tag - zusammen sein, einenader gefunden.
Soviel mehr als ein Kuss, mehr als eine paar Tage, mehr als nur guter Sex so viel mehr als all das was ich zuvor kannte. Soviel mehr als all das was ich mir jeh erhofft hatte. All das habe ich trotz allem bekommen - denn es stimmt doch - man kann alles haben.

Nach ca. einem halbem Jahr wusstest du alles. Erstaunlich schnell konnte ich mich öffnen dir alles anvertrauen. Jedes Wort verließ meinen Mund - fand Gehör. Jede Träne wurde aufgefangen, weggeküsst. All dem Schlechten wurde Aufmerksamkeit geschenkt doch nie mehr als unbedingt nötig.Und neben all dem Mist den ich mit mir herumschleppte - sah ich das erste mal, was ich zuvor nie wahrnehmen konnte. Ich sah die Last - Last die auch auf deinen Schultern weilte. Nicht nur ich war es die einen Klotz - schwer wie Blei - mit sich herum schleppte. Nein, du auch. Auch du mit deiner charmanten Art, deinem süßem Lächeln hattest etwas das dich stetig begleitete.
Nicht so wie ich - aber nur weil etwas anders ist - ist es nicht besser.
& durch dich habe ich etwas gelernt - habe gelernt, dass jeder etwas hat was er mit sich tragen muss nicht nur ich. Jeder Mensch hat etwas - ein Problem - & das hier ist kein Wettkampf - kein Problem ist schlechter/besser. Keins ist unwichtig und keins lässt sich alleine tragen.

Zusammen gekommen. Ein schlechter Ruf. Ich - viel zu anstrengend.
Du ein Frauenheld.
& keiner hat an uns geglaubt und wenn ich so zurück denke gehörte ich dazu.
Glaubte nicht daran, dass mich jemand will - einfach weil ich bin so wie ich bin.
Nach 2 Wochen zu dir gezogen. Aller erklärten uns für verrückt.
Nach 4 Monaten die erste gemeinsame Wohnung. Das Lästern ließ nicht nach.

Zusammen leben. Ein auf und ab. Ewig. Wie eine Fahrt. Berg und Tal.
& oh Gott wie oft waren wir ganz unten. Waren überfordert. Konnten einander nicht verstehen,
Wie oft haben wir geweint. Wie oft uns in den Armen gelegen. Seufzen. Verzweifelt. Kurz vor dem Aufgeben. Doch wie ein Wunder - wie der Glaube an ein magisches Licht.
Fanden wir immer wieder zueinander. Immer.
Haben uns nie aufgegeben. Geredet, gestritten, geschrien, gelacht, Streit - Versöhnung.
Auf und ab. So lange ging es ab. Ganz unten - Doch dann ganz unverhofft.
Da fanden wir dieses Licht.. erst ein kleiner Strahl dem wir folgen mussten - wir liefen immer weiter. Egal wie holbrig der Weg war. Egal wie groß die Steine waren. Gekämpft - und gewonnen?
Zumindest nie aufgegeben.

Der schlimmste Anstieg, Therapie, 3x mal die Woche.
Therapie, am Ende, geweint, jeden Tag, gegessen aus Frust aus Angst. Panikattacken.
Der Gang zur Polizei. Mein Herz klopfte. Du neben mir - meine Hand in deiner.
Du drückst sie - motivierst mich nicht umzukrehen. Und ich gehe - ich gehe und spreche.
Wir ziehen das durch zusammen.
Gericht - 1,5 Jahre später. Nocheinmal stark sein. Nicht das Opfer sein.
Du bist dabei. Blickst mit in die Augen - blickst ihm in die Augen.
Bleibst ruhig - lässt mich ruhig werden. Dein Herz - es beruhigt meins. Danke.

Danke für jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde - im Streit, beim schreien, beim verzweifeln, beim lachen, beim freuen für den anderen - für einander. Für soviel Liebe, für all dieses Lachen. Diese schönen Momente - magisch. Vertraut. Geliebt. Ich lebe mit dir. Ich liebe dich - durch dich.

Können Depressive lieben? 

JA - können sie!
Können sie, wenn eine Sache gegeben ist.
Auch sie müssen geliebt werden. Nicht mal so nebenbei. Nein, voll und ganz.
Mit Haut und Haaren. Aufopfernd. Mit jeder Faser. Bereit zusammen einen Berg zu erklimmen.
Abzurutschen - ab und zu. Sich festhalten müssen. Festkrallen. Ich will nicht ganz abrutschen.
Nicht ganz nach unten - da will ich nicht wieder hin - nie wieder!
Auch dann wenn alle sagen, dass es nicht machbar ist.
Man kann es schaffen - wir haben es geschafft - 6 Jahre bereits.
& jeder ganz egal ob krank oder nicht hat ein Recht.
Ein Recht darauf glücklich zu sein. In ein anderes Augenpaar zu blicken. Liebe zu sehen.
Vertrautheit. Heimat. Glück. Zuversicht. Licht - eine Zukunft - gemeinsam.

& im Grunde geht es nicht um all diese Meinungen.
Es geht nur um das hier. Um dich und mich.
Nicht darum wie ihr eine perfekte Beziehung definieren würdet.
Sondern darum wie wir das tun.
& auch in die selbe Richtung müssen wir nicht immer blicken NEIN.
Du ein Individum und ich ein Individum - manchmal die Köpfe in andere Richtungen geneigt.
Den Spalt zwischen uns niemals zu groß werden lassen. Uns festhalten.
Ich halte deine Hand. Spüre deine Wärme. Drücke sie fest.

ICH LIEBE DICH!

Ja, ich kann lieben. Ich kann leben, ich kann lachen, ich kann Freude empfinden.
Ja, es gab Zeiten da empfand ich all das nicht. Doch DU - du hast den Spalt zwischen uns nicht zu groß werden lassen. Im letztem Moment hast du meine Hand ergriffen - immer.
Hast uns zusammegehalten - wie Klebstoff. Fester noch. Unzertrennbar. Unverwundbar.
Zusammen.
Ja, ich kann lieben.Ich kann leben, ich kann lachen, ich kann Freude empfinden.
Ja, die Schmerzen sitzen tief. Tief eingebrannt. Feuer rot. Eine Narbe quer übers Herz.
Ein Loch mitten im Herz? Kannst du es füllen? Können wir zusammen die Schmerzen lindern?
Sie heilen?
Ich bin gespannt.
& sollten wir uns trennen. Sollte der Spalt zu groß werden - du kannst mich nicht halten.
Würde ich all die Jahre nicht bereuen. All die schlechten - und die guten Tage. Würde ich nie vergessen. All die Liebe die du mir zukommen ließt.
All die Liebe die ich für dich empfinden konnte.
Ich lebe - Ich liebe.
Ich KANN lieben.

Ich liebe dich, Tobias.

1 Kommentar:

Katta hat gesagt…

Ich stelle mir auch öfters die Frage. Denn das, was mein Freund alles schon deswegen mit mir durchmachen musste, ist in einer ruhigen Minute betrachtet, einfach der Wahnsinn. Und trotzdem ist er, nach mehr als zwei Jahren nun, immer noch da.
Und dafür bin ich dankbar. Auch wenn er oft verzweifelt ist und nicht weiß wie es damit und mit mir umgehen soll. Denn ich bin selber sehr oft ohne Rat und kann mein Handeln und meine Emotionen nicht erklären.
Und obwohl ich jedes Mal zu ihm sage "Wenn du DESWEGEN Schluss machst, verstehe ich das!", hat er niemals es nur auch in Erwägung gezogen.
Können Depressive lieben? JA!
Können Depressive geliebt werden? OHJA!

Allerliebste Grüße,
HOLYKATTA